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Hintergrund

Life Science ist für Dich eine Faszination?  Die Natur, die Welt und den menschlichen Körper zu verstehen, begeistert Dich jeden Tag, schon seit der Schule? Dafür lernst Du auch den Citratcyclus auswendig und stehst Stunden lang im Labor? Das kann ich gut verstehen.

Da gibt es nur ein kleines Problem. Wenn Du einer der derzeit über 52.000 Studenten (Quelle) in biologischen Studiengängen bist, dann vermutlich nicht ausschließlich zur Befriedigung Deines Dranges nach Wissensaneignung, sondern Du erwartest, dass Du von der Plackerei irgendwann auch einmal Deinen Lebensunterhalt bestreiten kannst.

Verlässt Du die Uni mit Anfang 20 (BSc), Mitte/Ende 20 (Dr.) oder Mitte/Ende 30 (letzter Postdoc-Vertrag), dann bläst Dir der Wind der Realität eiskalt ins Gesicht  – Miete und Rechnungen wollen bezahlt werden, eine Altersversorgung will finanziert werden. Du kannst nicht länger erwarten, dass Staat und Eltern Dir das Ausleben Deines wissenschaftlichen Hobbys finanzieren.

Das Ziel, mit Deiner Qualifikation als Biologe eine sozialversicherungspflichtige, unbefristete Stelle zu finden, für die Dein Jahre langes Studium erforderlich ist, ist für Dich je nach persönlicher Qualifikation nicht leicht bis praktisch unmöglich zu erreichen. Viele aus Deinem Jahrgang werden sich mit befristeten, schlecht vergüteten Verträgen, unattraktiven Tätigkeiten durchschlagen müssen oder werden in dem Sinne arbeitslos, dass ihr Studium für ihre Stelle nicht erforderlich oder nicht einmal förderlich ist. Nicht wenige werden tatsächlich arbeitslos.

Dich vor diesem harten Schicksal zu warnen und es Dir zu ersparen, das ist das Anliegen dieses Beitrags. Der Autor ist selbst promovierter Biowissenschaftler und arbeitet selbst seit Jahren in leitender Position in der Industrie.

Zu seinem aufrichtigen Bedauern sind viele ehemalige Kommilitonen weit weniger weich gelandet. Statt einem gut gepolsterten Sessel im Einzelbüro spüren sie die harte Bank im Wartebereich der Arbeitsagentur, oder die Ungewissheit, ob der Postdoc-Vertrag noch einmal 6 Monate verlängert wird.

Es ärgert ihn zutiefst, dass jedes Jahr Massen von Abiturienten durch die Universitäten und Professoren gezielt fehlinformiert und in eine Verqualifizierung gelockt werden, die ihnen ihr gesamtes Berufsleben verleidet, während der Wirtschaft gleichzeitig Fachkräfte mit anderen Qualifikationen und der Gesellschaft junge Familien fehlen.

Der Grund für die Misere

Die Berufsaussichten sind seit Jahrzehnten schlecht, aber immer noch lassen sich Abiturienten durch Professoren, Studiengangsberater, ahnungslose Journalisten und Verbände ein Bio-Studium aufschwatzen. Nachdem schon länger bekannt ist, dass Biologen die am wenigsten gefragten Naturwissenschaftler sind, haben sich die Hochschulen darauf verlegt, das ausgelaugte Biostudium in neuen Gewändern zu verkleiden.

Viele Abiturienten und auch die einfältigeren unter den Studenten glauben, dass ein Studium beispielsweise der Molekularen Medizin etwas signifikant anderes sei als ein Biologie-Studium, obwohl sich die Inhalte zu 95% überlappen und die Methoden in der Forschung identisch sind. Vor 20 Jahren war es Biochemie, dann Biotechnologie und nun Biomedizin bzw. Molekulare Medizin. Man darf darauf gespannt sein, welche neue Sau in den nächsten Jahren durchs Dorf getrieben wird. Wenn viele deutsche Professoren schon keine bahnbrechenden Forschungsergebnisse vorweisen können, so muss man sie immerhin für Ihre semantische Kreativität bewundern.

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Der Ausbildungsweg vom Abiturienten bis zum promovierten Biowissenschaftler ist extrem lang. Oft können Bachelor und Master nicht in Regelstudienzeit (5 Jahre) erworben werden, zudem dauert die Promotion, wenigstens 3,5, zunehmend aber 4-5 Jahre. Mit unvermeidlichen Leerlaufzeiten zwischen den Studienabschnitten kommt man schnell auf 10-12 Jahre vom Abitur bis zum Berufseinstieg, während Absolventen anderer Fächer oder nach einer Berufsausbildung nach drei Jahren schon Geld verdienen können.

Die Bio-Studiengänge sind nach wie vor stark überlaufen. Derzeit tummeln sich dort fast 50.000 Studenten. Jeder in der Branche (inklusive Professoren) weiß, dass es für so viele Leute keine fachnahen Jobs gibt.

Die Auswirkungen

Die Studis geraten in einen Teufelskreis: um sich von der Masse der anderen abzuheben, qualifizieren sie sich immer weiter. Nach dem Bachelor, der in anderen Ländern durchaus berufsqualifizierend ist, wählen fast alle den Master, danach kommt die Promotion, weil es laut professoraler Propaganda der beste Weg in einen gutbezahlen Job ist. Zunehmend versuchen Professoren den Absolventen einzureden, dass ein Postdoc die Employability erhöhe, obwohl doch die Promotion bereits die Fähigkeit zur selbständigen wissenschaftlichen Arbeit bescheinigt.

Die Konsequenz ist, dass sich viele Absolventen erst nach jahrelanger (Ver-)Qualifikation mit dem Arbeitsmarkt beschäftigen. In Internetforen liest man dann: „Leider habe ich erst nach dem Master/der Promotion/dem Postdoc mit den Berufsaussichten beschäftigt und merke jetzt, wie schlecht es aussieht.“

 

 

 

 

 

 

 

Interesse an einer Änderung der Situation hat praktisch niemand. Abiturienten glauben aus Bequemlichkeit gerne, dass sie für die Beschäftigung mit ihrem Lieblingsfach aus der Schule später mal bezahlt werden. Sie beschäftigen sich mit Fragen wie der, welcher Studiengang im ersten Semester den geringsten Chemie- oder Physikanteil hat, scheren sich aber nicht um ihre 40jährige Berufstätigkeit nach dem Studium. Professoren und Hochschulen erhalten Gelder für jeden eingeschriebenen Studenten. Lokalpolitiker verweisen auf angeblich zukunftsträchtige Studienangebote in ihrer Region. Arbeitgeber und ihre Verbände freuen sich, dass sie für jede Stelle aus einer Flut von Bewerbungen auswählen können.

Auf der Strecke bleiben die Absolventen nach der Qualifikationsphase. Sie sind nicht organisiert, und verständlicherweise hat keiner von ihnen Interesse, sich in der Öffentlichkeit als berufsbiographischer Versager zu outen und seine geringe Chance auf Stellenangebote noch weiter zu schmälern.

 

Häufig gestellte Fragen von Abiturienten und Absolventen werden im Folgenden im FAQ-Stil beantwortet. Weitere Informationen über die Hauptseite hinaus gibt es unter Berufsaussichten, Karriereplanung, Auswege und About.

Zu den Berufsaussichten von Studierenden biologischer und biomedizinischer Studiengänge

Die Bio-Falle

Einleitung

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Für viele bedeutet das am Ende, dass die 10-12 Jahre Qualifikationsphase berufsbiographisch nicht verwertet werden können. Gleichzeitig sind sie 10-12 Jahre älter, haben vielleicht oder möchten jetzt dringend eine Familie oder eine feste Partnerschaft. Viele Wege, die ihnen als Abiturient offen standen (Berufsausbildung, Studium eines anderen Faches, Auslandsjahr, Praktika zur Orientierung) stehen ihnen nun nicht mehr zur Verfügung. Ressourcen (Bafög, finanzielle Unterstützung der Familie) und Zeit sind aufgebraucht. Sie kommen beruflich nicht mehr vorwärts, können aber auch nicht einfach wie bei einem Brettspiel zurück auf Los. Anders gesagt: sie sind in der Bio-Falle gefangen.

Selbst der Autor, der nun wirklich kein Gewerkschafter ist, muss sagen, dass die Not der Absolventen wird von Professoren und Arbeitgebern hemmungslos ausgenutzt wird, bis hin zu den Extremfällen, dass ein promovierter Biologe lieber eine Bezahlung nach Mindestlohn (!) in Kauf nimmt als arbeitslos zu sein .